ACHAVAאחווה Festspiele Thüringen

Tag der offenen Synagogen – Willkommen Neues Jahr 5781

17. September

Insgesamt fünf Synagogen wurden in Erfurt seit dem 11. Jahrhundert errichtet, zerstört, vergessen und wiedergefunden. Sie zeugen vom blühenden jüdischen Leben in dieser Stadt, das sich gegen Ausgrenzung behauptete und trotz Vertreibung und Vernichtung immer wieder neu begann.

Foto: Atelier Papenfuss

Bereits im späten 11. Jahrhundert entstand die Alte Synagoge, die Zentrum des jüdischen Lebens im mittelalterlichen Erfurt war und bis um 1300 stetig erweitert wurde. Die Jüdische Gemeinde hatte in Europa eine herausragende Bedeutung, im Stadtzentrum Erfurts lebten Juden und Christen lange Zeit Tür an Tür. Während des Pogroms im März 1349 wurden hunderte Gemeindemitglieder von ihren einstigen Nachbarn ermordet, die Ruine der niedergebrannten Alten Synagoge ging in den Besitz von Christen über und wurde zu einem Speicher umgebaut.

Foto: Atelier Papenfuss


Abbildung: Stich aus Chronik des Ratsmeisters Friese

Schon einige Jahre später siedelten sich erneut Juden in Erfurt an und es entstand eine zweite Gemeinde, für die der Erfurter Rat hinter dem Rathaus eine Zweite Synagoge bauen ließ. Diese Gemeinde konnte nur wenige Jahre existieren. Nach der Aufkündigung des Judenschutzes durch den Erfurter Rat mussten alle jüdischen Bewohner Erfurts im 15. Jahrhundert die Stadt verlassen.

Abbildung: Stich aus Chronik des Ratsmeisters Friese


Foto: Atelier Papenfuss

Erst Anfang des 19. Jahrhundert durften sich Juden wieder in Erfurt ansiedeln. Die Gemeindemitglieder nutzten bis in die 1830er Jahre zunächst ein Wohnhaus für die gemeinsamen Gottesdienste. Das Wohnhaus bauten sie schließlich in eine Synagoge im klassizistischen Stil um, heute als Kleine Synagoge bekannt, die 1840 eingeweiht wurde.

Foto: Atelier Papenfuss


Foto: Stadtarchiv Erfurt

Für die stetig anwachsende Gemeinde wurde die Synagoge allerdings schnell zu klein. 1884 erbaute sie deshalb die Große Synagoge am Kartäuserring. Für den prächtigen Backsteinbau im maurischen Stil des Historismus mit Kuppel und reich ausgeschmücktem Innenraum wurde der Architekt der Frankfurter Börneplatz-Synagoge engagiert. Im Novemberpogrom 1938 wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten geplündert und niedergebrannt. Der Zerstörung der Synagogen folgte die Auslöschung jüdischen Lebens – nicht nur in Erfurt, sondern in ganz Deutschland.

Foto: Stadtarchiv Erfurt


Nur wenige der überlebenden Erfurter Juden kehrten nach der Shoah in die Stadt zurück. Sie gründeten noch 1945 eine neue Gemeinde in Erfurt, die durch den Zuzug von Juden aus Breslau an Mitgliedern gewann. 1947 gab die Stadt das Grundstück der zerstörten Großen Synagoge an die Gemeinde zurück. Einen ersten Entwurf für eine Neue Synagoge auf diesem Grundstück lehnte die Stadt 1950 als »zu sakral« ab. Erst ein niedrigeres und architektonisch schlichter gehaltenes Gebäude wurde genehmigt. Die Neue Synagoge blieb der einzige Synagogen-Neubau in der DDR. Sie wurde 1952 eingeweiht und wird bis heute als Gotteshaus der Jüdischen Gemeinde Erfurts genutzt.


Heute existieren in Erfurt neben der von der Jüdischen Landesgemeinde genutzten Neuen Synagoge noch die Kleine Synagoge aus dem 19. Jahrhundert, die inzwischen als Begegnungsstätte dient, und die Alte Synagoge, die als Museum über die Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde informiert. Als älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge ist der Bau selbst mit seiner Architektur ein wertvolles Exponat.

Am Vortag des jüdischen Neujahrsfests Rosh Hashanah stehen die drei Synagogen Erfurts als erlebbare Orte jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal öffnen sie alle ihre Türen gleichzeitig. Führungen werden die Orte aller fünf Synagogen verbinden und die Entwicklung des jüdischen Lebens in der Stadt Erfurt anhand der verschiedenen Synagogenbauten nachvollziehen. Ab 12 Uhr können die offenen Synagogen auch selbstständig besucht werden. Vor Ort beantworten kundige Menschen die Fragen der Besucherinnen und Besucher zu Gegenwart und Vergangenheit des jüdischen Lebens in Erfurt.

Ein Konzert und ein Zeitzeugengespräch in der Alten Synagoge werden das Angebot an diesem Tag ergänzen.

Was ist eigentlich Rosh Hashanah?

Rosch Haschana ist das jüdische Neujahrsfest. Beim Propheten Nehemia heißt es: »Geht hin und esst große Speisen, genießt Süßes.« Die süßen Speisen werden durch Honig symbolisiert. Wir tauchen ein Stück Apfel in Honig. Auch das Brot, die Challa, wird nicht wie sonst üblich mit Salz, sondern mit Honig gegessen. Die Challa ist, anders als sonst, rund und erinnert an den Jahreskreislauf. Zudem gibt es den Brauch, den Kopf eines Fisches zu essen, da »Rosch« auf Hebräisch »Kopf« bedeutet. Im Gottesdienst wird das Schofar, ein Widderhorn, geblasen. Der eindringliche Ton soll zur Umkehr aufrufen und erinnert uns, dass mit Rosch Haschana zehn Bußtage beginnen, an denen wir das vergangene Jahr reflektieren und uns miteinander versöhnen sollen. Abgeschlossen werden die Bußtage mit Jom Kippur, dem höchsten und frömmsten jüdischen Feiertag, an dem gefastet und den ganzen Tag über gebetet wird. Am 18. September 2020 beginnt das jüdische Jahr 5781. Wir wünschen Schana tova umetuka: Ein gutes und süßes neues Jahr!

Landesrabbiner Alexander Nachama

17. September 2019

10 UhrTreffpunkt Waagegasse 8Dauer: 2hTeilnahme frei mit Voranmeldung

Zu Besuch in den drei Synagogen Erfurts

Sonderführung für Schülerinnen und Schüler mit Netzwerkkoordinatorin Susanne Zielinski

12 UhrTreffpunkt Waagegasse 8Dauer: 2hTeilnahme frei mit Voranmeldung

Zu Besuch in den drei Synagogen Erfurts

Öffentliche Sonderführung mit Kuratorin Dr. Maria Stürzebecher

12–18 Uhr

Offene Synagogen

Die Neue Synagoge, das Museum Alte Synagoge und die Begegnungsstätte Kleine Synagoge heißen ihre Besucherinnen und Besucher bei freiem Zugang und freiem Eintritt willkommen. Vor Ort beantworten kundige Menschen ihre Fragen, in der Alten Synagogen Dr. Maria Stürzebecher und Schülerguides der AG »Denk mal aktiv« des evangelischen Ratsgymnasiums, in der Kleinen Synagoge Susanne Zielinski und in der Neuen Synagoge Mitglieder der Jüdischen Landesgemeinde.

20 UhrKleine SynagogeEintritt frei

Jugend in Flammen

Zeitzeugengespräch und Lesung mit Musik

Foto: Ronny Pabst
  • Aliza Vitis-Shomron – Autorin und Überlebende des Warschauer Ghettos im Livestream (Israel)
  • Petra Sawadogo - Übersetzerin und Moderation (Deutschland)
  • Omri Vitis – Gesang (Israel)
  • Guy Strier - Gitarre (Israel)
  • Tobias Unterberg – Cello (Deutschland)

Foto: Ronny Pabst

Aliza wurde 1928 in Warschau als Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren, in der sich jüdische Tradition und polnische Kultur vermischten. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges war sie elf Jahre alt. In ihren Tagebüchern, die sie auf Papierreste schrieb und während des Krieges aufbewahrte, erzählte sie die Geschichte ihrer Familie, die im besetzten Warschauer Ghetto ums Überleben kämpfte. Diese Tagebücher und ihre späteren Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für ihre Memoiren. Die Mitgliedschaft bei Hashomer Hatzair, der bekannten Jugendbewegung im Warschauer Ghetto, gab Aliza Hoffnung und ermutigte sie, ums Überleben zu kämpfen. Im Ergebnis einer außergewöhnlichen Reihe von glücklichen Umständen gelang es ihr, das Konzentrationslager Bergen-Belsen zu überleben. Sie gehörte zu denen, die von amerikanischen Truppen befreit wurden. Ihre Geschichte weiter zu erzählen, ist und bleibt ihr Vermächtnis.

Aliza Vitis-Shomron ist eine der letzten Überlebenden des Warschauer Ghettos. Sie lebt im Kibbuz Givat Os im Norden Israels. Die heute 91-Jährige hielt auf der ganzen Welt leidenschaftliche Vorträge über den Aufstand 1943 im Warschauer Ghetto, angeführt vom legendären Führer Mordechai Anielewicz. Sie verließ das Ghetto 14-jährig, 2 Tage vor der Revolte, mit dem Auftrag, von den unmenschlichen Zuständen des Ghettos zu berichten. Der Aufstand war eine Inspiration für viele weitere Widerstandsgruppen in Polen. Aliza hat seitdem zahlreiche israelische Jugendgruppen bei ihren Besuchen in Polen begleitet. Ihre Memoiren, die 2002 erschienen, wurde bereits in Englisch, Ungarisch, Polnisch und Hebräisch veröffentlicht. Anlässlich der ACHAVA-Festspiele 2020 ist die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung geplant.

Weitere Informationen:

www.juedisches-leben.erfurt.de
www.topfundsoehne.de

Sonderausstellung »Perspektiven« – Versteigerung & Finissage

20. September14 UhrAlte Synagoge Erfurt

Eine außergewöhnliche Ausstellung neigt sich dem Ende zu. Aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums des Museums Alte Synagoge wurden die zahlreichen »ikonischen« Motive wie Hochzeitsring oder Westfassade künstlerisch interpretiert. Die Fotografien von Ulrich Kneise und Marcel Krummrich inszenieren die Spuren des mittelalterlichen jüdischen Lebens und treten in einen Dialog – miteinander und gleichzeitig mit der Dauerausstellung in der Alten Synagoge. Zum Abschluss der Ausstellung können Besucherinnen und Besucher die beeindruckenden Fotografien im Rahmen einer Versteigerung erstehen. Der Erlös geht an die Kinder- und Jugendarbeit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Ein Projekt der ACHAVA Festspiele Thüringen, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und der Geschichtsmuseen der Landeshauptstadt Erfurt – Alte und Kleine Synagoge.